Wie entsteht Ideologie?

Warum denken wir alle gerne das, was die Mehrheit auch denkt? Warum fällt es uns oft nicht einmal auf, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit gar nicht übereinstimmen, selbst wenn es doch so offensichtlich ist? Ein Versuch, die Macht der Ideologie zu erklären

 

Warum sehen Menschen Dinge, die es nicht gibt? Solomon Asch erzählte von seiner Kindheit in Polen. Als er sieben Jahre alt war, im Jahr 1914, durfte er mit seiner jüdischen Familie den Vorabend des Passahfestes feiern. Seine Großmutter schenkte jedem Verwandten Wein ein und stellte ein weiteres gefülltes Glas auf den Tisch. Für wen das sei, fragte der Junge. Für den Propheten Elias, antwortete ein Onkel.

"Trinkt er wirklich daraus?"

"Oh ja", sagte der Onkel. "Du wirst es schon sehen."

Voller Erwartung schaute das Kind auf das Glas – und war sich sicher, zu beobachten, wie der Spiegel darin wie von selbst um eine Winzigkeit sank.

Als die Wehrmacht sein Land überrannte und die Nazis die Juden ermordeten, war die Familie nach New York emigriert; Asch verdiente sein Geld als Sozialpsychologe. Im Jahr 1951 gelang ihm ein bahnbrechendes Experiment. Es erklärte, warum Menschen so oft der durchsichtigsten Propaganda erliegen – und Aschs eigenes Kindheitserlebnis.

Der Versuch bestand schlicht darin, nach der Länge von Linien zu fragen. Die Probanden bekamen ein Kärtchen, auf dem oben ein Strich und darunter eine Auswahl von drei weiteren Strichen aufgedruckt waren. Einer der drei unteren Striche war offensichtlich genauso lang wie der obere, einer länger, einer kürzer. Die Versuchspersonen mussten lediglich den zum oberen Strich passenden nennen. Allein vor diese simple Aufgabe gestellt, gab jeder die richtige Antwort.

Dann allerdings brachte Asch die Teilnehmer in Gruppen zusammen. Jede Gruppe bestand aus einer Versuchsperson und sieben Helfern, die Asch ohne Wissen der Probanden instruiert hatte. Die Helfer begannen nun einstimmig und im Brustton der Überzeugung, falsche Antworten zu geben. Kurze Striche nannten sie lang, lange kurz. Und die nichts ahnenden Versuchspersonen? Schlossen sich an. Dieselben Probanden, die vorher, ohne zu zögern, die Linien vor ihren Augen richtig zuordnen konnten, erklärten jetzt Striche, die nach ein paar Fingerbreiten endeten, für länger als solche, die sich fast über die ganze Seite erstreckten. Nicht einmal jede vierte Versuchsperson schaffte es, dem unsinnigen Zureden der Helfer zu widerstehen .

Asch erklärte sich die Realitätsverweigerung mit der Angst vor einer abweichenden Meinung. In Interviews erzählten ihm Versuchspersonen, sie hätten angesichts der so überzeugend vorgetragenen Urteile der Helfer an ihrer eigenen Wahrnehmung gezweifelt. Andere behaupteten, sie hätten sehr wohl den Irrtum der anderen bemerkt, diesen aber nicht die Stimmung verderben wollen. Manche Probanden gestanden sogar, sie seien grundsätzlich davon überzeugt, dass mit ihnen etwas nicht stimme. Wenn Mitmenschen nun sogar die Länge von Strichen anders einschätzten als sie, fühlten sich diese Teilnehmer einmal mehr darin bestätigt, im Kopf nicht richtig zu sein.

Asch trieb viel mehr um als nur die Suche nach einer Merkwürdigkeit menschlichen Verhaltens. Er wollte verstehen, was während der Jahre der Naziherrschaft in Deutschland vorgefallen war. Wie war es möglich, dass Millionen Deutsche sich von so mühelos erkennbaren Propagandalügen einfangen ließen? Auch gutwillige Bürger schienen keine Schwierigkeiten damit zu haben, in ihren jüdischen Nachbarn, die nie jemandem ein Haar gekrümmt hatten, gefährliche Untermenschen zu sehen. Und als die alliierten Bomber längst ihre Städte zerstört hatten, waren viele noch immer bereit, an den angeblich größten Feldherrn aller Zeiten zu glauben und für den Endsieg zu leiden.

Mit dem Realitätssinn ist es so eine Sache. Wer begegnet zum Beispiel ständig verschleierten Frauen? Ich jedenfalls nicht, obwohl ich in Berlin lebe und mich häufig in Neukölln, im Wedding und in anderen muslimisch geprägten Vierteln herumtreibe. Sehr selten, vielleicht einmal alle acht Wochen, kreuzt eine Frau meinen Weg, die ihr Haar und ihren Mund mit einem Nikab genannten Tuch verdeckt hat. Eine Burka, also einen Ganzkörperschleier, bei dem das ganze Gesicht hinter einem Stoffgitter verschwindet, habe ich nie gesehen. Das ist auch kein Wunder. Nach Auskunft von Islamexperten werden solche Kleidungsstücke ausschließlich in Afghanistan und einigen Regionen Usbekistans, Tadschikistans und Pakistans getragen.

Dennoch fühlen sich offenbar so viele Menschen in Deutschland von verschleierten Frauen bedroht, dass der Bundestag 2017 mit den Stimmen der großen Koalition ein Gesetz beschlossen hat, das von deutschen Beamten, Soldaten und Richtern verlangt, "bei Ausübung ihres Dienstes oder bei Tätigkeiten mit unmittelbarem Dienstbezug ihr Gesicht nicht verhüllen". Von den Medien wurde es "Burkagesetz" genannt. Als ein grüner Abgeordneter in einer parlamentarischen Anfrage von der Regierung erfahren wollte, ob es Statistiken über Frauen mit Burkas gebe, musste das Kabinett passen: "Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burkaträgerinnen in Deutschland vor." Laut einer Recherche des Bayerischen Rundfunks konnte in den Innenministerien von Bund und Ländern niemand einen Fall nennen, in dem eine Beamtin ihren Beruf vollverschleiert ausgeübt hätte. Obwohl niemand wusste, was eigentlich zu regeln war, trat das "Gesetz zu bereichsspezifischen Regelungen der Gesichtsverhüllung" am 15. Juni 2017 in Kraft.

Um solch postfaktische Gesetzgebung zu verstehen, hilft ein Blick in Meinungsumfragen. Nach einer im Jahr 2015 veröffentlichten Erhebung der Bertelsmann Stiftung stimmen 57 Prozent der nichtmuslimischen Bewohner Deutschlands der Aussage zu: "Der Islam ist bedrohlich." Und die Deutschen fühlen sich offenbar nicht nur bedroht, sondern auch umstellt. Als das Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Jahr 2016 bat, zu schätzen, welcher Anteil der Mitbürger sich zum Islam bekenne, war die Antwort im Durchschnitt: 21 Prozent. Wie viele Muslime leben wirklich in Deutschland? Da der Islam keine Kirchenzugehörigkeit kennt, gibt es unterschiedliche Zahlen, abhängig davon, wen man als "Muslim" bezeichnet. Nach Berechnungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge waren es Ende 2015 fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung. Eine Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kam 2018 auf 4,3 Prozent.

So fallen Wahrnehmung und Wirklichkeit immer weiter auseinander. Die Verleugnung des Offensichtlichen ist allerdings keine rein deutsche Erscheinung. Die amerikanischen Wähler haben der Welt das Rätsel aufgegeben, wie man einem Mann, der persönlich und mit seinen Firmen in nicht weniger als 3.500 Gerichtsverfahren verstrickt war, abnehmen konnte, als Präsident alles zum Wohl seines Landes zu tun. In Großbritannien steht das Mysterium im Raum, weshalb sich die Bevölkerung gegen alle bekannten wirtschaftlichen Tatsachen und gegen die eigenen Interessen für den Brexit entschied. Immer häufiger werden Fakten durch gefühlte Wahrheiten ersetzt, die als Grundlage weitreichender Entscheidungen und sogar von Gesetzen herhalten müssen.

Zwar hatten Menschen in Gruppen seit je ein gespaltenes Verhältnis zur Realität. Nicht nur die von Solomon Asch untersuchte Nazi-Propaganda, auch alle Börsenmanien von der Spekulation auf steigende Preise für Tulpenzwiebeln in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts bis zur 2007 geplatzten Subprime-Blase beruhten letztlich darauf, dass die Beteiligten einander eine alternative Wirklichkeit suggerierten.

Diese Schwäche der menschlichen Natur versuchen Stimmungsmacher aller Couleur für sich zu nutzen. Umweltorganisationen trugen mit ihren Kampagnen dazu bei, dass sich 67 Prozent der Verbraucher in Deutschland über gentechnisch veränderte Lebensmittel "beunruhigt" zeigen. So viel Angst beeindruckte sogar das traditionell von Konservativen geführte Bundeslandwirtschaftsministerium. Seit 2009 ist jeder Anbau von genveränderten Pflanzen in Deutschland faktisch verboten. Dabei gibt es auch nach drei Jahrzehnten Forschung keinen belastbaren Hinweis darauf, dass genveränderte Pflanzen der Gesundheit mehr schaden als die herkömmliche Landwirtschaft. In den letzten Jahren allerdings manipulierte niemand den menschlichen Konformismus annähernd so wirksam wie die populistische Rechte. Mit Begründungen sind die Deuter in Zeitungskolumnen und Talkshows schnell bei der Hand. Sie verweisen etwa darauf, dass die Deutschen mit der Globalisierung fremdeln und daher um ihre Kultur fürchten oder dass Facebook und Co. als Dreckschleudern von teuflischer Präzision Donald Trump an die Macht gebracht haben.

All das mag zutreffen, geht aber an der eigentlichen Frage vorbei: Wie kommen die Menschen zu Überzeugungen, von denen sie sich auch mit guten Argumenten nicht mehr abbringen lassen? Warum sind sie so anfällig für Ideologien?

Wie gelangt jemand etwa zur Vorstellung, dass jeder fünfte Einwohner in Deutschland ein Muslim sei? Aschs Experiment bietet für solche Realitätsferne eine Erklärung. Wer beispielsweise nur oft genug hört, dass Scharen verschleierter Frauen unser Zusammenleben bedrohen, wird diese Auffassung vertreten, auch wenn er nie einer solchen Frau begegnet ist. Asch vermutete allerdings, dass seine Versuchspersonen sich nur vorsichtshalber einer herrschenden Meinung anschlossen – während sie eigentlich wussten oder zumindest ahnten, dass etwas nicht stimmt. Sozialpsychologen nennen diesen Zustand "kognitive Dissonanz": Die Probanden wollten demnach einer unangenehmen Spannung entfliehen, entstanden aus der Kluft zwischen dem, was sie wissen, und dem, was sie sagen.

Leider war Solomon Asch viel zu optimistisch. Im Jahr 2005 wiederholten Neurowissenschaftler sein Experiment mit der Technik des 21. Jahrhunderts. Gregory Berns von der Emory University in Atlanta und seine Kollegen legten die Versuchspersonen in einen Kernspintomografen, wenn sie ihr Urteil abgaben; das Gerät maß die Aktivität in den verschiedenen Regionen ihrer Gehirne. Statt Strichen sollten die Probanden räumlich verdrehte Figuren zuordnen, wieder verkündete ein Chor von Komplizen Unsinn, wieder stimmten die Versuchspersonen ein. Erschreckend war aber, was sich dabei in ihren Köpfen abspielte: In den Bereichen des Gehirns, die sonst für Lügen oder den Umgang mit Widersprüchen zuständig sind, war bei den Versuchspersonen keinerlei Signal festzustellen. Der Konflikt zwischen dem, was die Augen meldeten, und dem, was die Mitmenschen behaupteten, hatte diese Gewissensinstanzen also gar nicht erreicht.

Filterte also etwas den Widerspruch schon in einem sehr frühen, noch unbewussten Stadium heraus? Sobald die Komplizen eine Versuchsperson mit einer offensichtlich falschen Antwort verwirrten, zeigte sich in den Hirnarealen für räumliche Wahrnehmung eine verräterisch hohe Aktivität. Offenbar wurden die Rohdaten aus den Augen dort so lange bearbeitet, bis die Wahrnehmung mit dem übereinstimmte, was die anderen behaupteten. Also musste keine einzige Versuchsperson lügen! Niemand litt unter kognitiver Dissonanz. Die Probanden sahen die Figuren tatsächlich nicht so, wie sie waren. Sie sahen sie so, wie sie sie sehen sollten.

Das Gehirn ist eine Fälscherwerkstatt. Wie bekannte optische Täuschungen, so lässt auch die Meinung anderer uns eine Wirklichkeit wahrnehmen, die nicht existiert. Dies ist die gespenstische Folgerung aus dem Asch-Experiment: Wenn alle über Burkas reden, sehen wir Burkas.

Die Redaktion des Fernsehmagazins Monitor hat verdienstvollerweise einmal gezählt, welche Themen die großen deutschen Talkshows verhandeln. Im Jahr 2016 zum Beispiel schien es nur ein einziges Thema zu geben. Sage und schreibe 54 Prozent aller Talksendungen von ARD und ZDF handelten in diesem Jahr von Flüchtlingen, Islam, Terrorismus und Rechtspopulismus. Woche für Woche zeigten die Einspieler abwechselnd vermummte Gestalten und Wutbürger, die gegen vermummte Gestalten demonstrierten, bevor sich Kriminologen, Politiker und Feministen über vermummte Gestalten stritten. Seitdem dürften Zeitgenossen zuhauf davon überzeugt sein, sie hätten auch in ihrer Stadt vermummte Frauen gesehen.

Affen äffen nach, heißt es. Der Homo sapiens dagegen sei mit kritischem Bewusstsein begabt. Neue Versuche, in denen unser sozialer Verstand gegen den von Schimpansen antreten musste, säen da allerdings ein paar Zweifel. Die Ergebnisse machen deutlich, warum wir nicht wahrnehmen, was ist, sondern was die Mitmenschen sagen.

In einem faszinierenden Experiment stellten Wissenschaftler der schottischen St.-Andrews-Universität im Jahr 2007 Vorschulkinder und Schimpansen vor dieselbe Aufgabe: Es galt, einen Tresor voller Früchte zu öffnen. Der Behälter hatte Hebel und Schlösser, von denen alle außer einem wirkungslos waren. Der Versuchsleiter zeigte nun eine komplizierte Abfolge von Manipulationen am Tresor, die Kinder und die Schimpansen sahen zu. Dann machten sie nach, was sie beobachtet hatten. Sobald allerdings die Affen erkannten, dass ein einziger Hebeldruck genügte, um die Tür zu öffnen, ließen sie alle übrigen Handgriffe weg. Die Kinder dagegen blieben stur bei der unnötig aufwendigen Prozedur, die der Versuchsleiter ihnen beigebracht hatte. Dabei hatten selbstverständlich auch sie gesehen, dass es einfacher geht.

"Überimitation" nannten die schottischen Psychologen diese Starrsinnigkeit. Sie macht sich keineswegs nur bei Kindern bemerkbar. Erwachsene kopieren sogar noch hartnäckiger absurdes Verhalten ihrer Vorbilder. Auch das zeigten Versuche. Der extreme Konformismus ist auch keine besondere Krankheit unserer Kultur. Selbst südafrikanische Buschmänner, die noch unter weitgehend steinzeitlichen Verhältnissen leben, ahmen zwanghaft nach, was ihnen vorgeführt wurde. All dies spricht dafür, dass ein Drang zum fröhlichen Nachäffen den Menschen angeboren ist.

Wenn uns eine Eigenschaft genetisch einprogrammiert ist, dann hilft ein Blick in die Evolution, um sie besser zu verstehen. Schließlich muss es Gründe dafür geben, dass Menschen sich mehr als alle anderen Tiere zu eigen machen, was andere ihnen vorgeführt haben. Joseph Henrich, Anthropologe an der Harvard-Universität, erklärt mit diesem Verhalten sogar den Erfolg unserer Art. Nur weil unsere Gehirne wie Schwämme aufsaugen, was unsere Mitmenschen behaupten und tun, konnten überhaupt Kulturen entstehen. Wären wir dagegen so skeptisch wie Schimpansen, hätten wir uns niemals den Gebrauch des Feuers, der Schrift und von Mobiltelefonen aneignen können. Denn das Erlernen kultureller Fertigkeiten erfordert, dass der Einzelne sich auch dann Gewohnheiten aneignet, wenn er deren Sinn nicht versteht.

Kultur macht das Leben kompliziert. Wer versucht, alles zu hinterfragen, bringt sich in Gefahr. Der Anthropologe Henrich berichtet etwa von der Verarbeitung des Manioks, einer Knolle, die seit je die Menschen in Südamerika sättigt. Roher Maniok setzt Blausäure frei, weshalb man ihn entgiften muss. Die Frauen im Amazonastiefland schälen und raspeln die Knollen, weichen diese dann ein und kochen den Brei mehrmals, bis die Blausäure restlos herausgelöst ist. Gut ein Viertel ihrer Zeit verbringen die Frauen mit diesen Tätigkeiten, aber sie wissen nicht, warum sie es tun. Sie behandeln den Maniok ganz einfach so, wie es ihnen ihre Mütter und Großmütter beigebracht haben. Und weil es alle so machen, hat keine der Frauen je eine Blausäurevergiftung erlebt.

Wären die Frauen Schimpansen, würden sie nur das tun, was ihnen einsichtig und notwendig erscheint – den bitteren Geschmack aus dem Maniok herauszubekommen. Er lässt sich ganz einfach durch Kochen vertreiben. Dann allerdings bliebe ein Rest Blausäure im Maniok, der den Esser schleichend vergiftete. Oft erst nach Jahren zeigen sich die ersten Symptome: Schwäche, Lähmungen, Entwicklungsstörungen bei Kindern. Aber kolumbianischen Frauen ist die Überimitation einprogrammiert. Sie wiederholen genau das, was man ihnen gezeigt hat, ohne zu überlegen. Die Überimitation rettet ihr Leben – und hat den Völkern Südamerikas eine ihrer wichtigsten Nahrungsquellen erschlossen. So übersetzen sich Nachäffen und Leichtgläubigkeit in Fortpflanzungserfolg.

Überimitation kann nur funktionieren, wenn wir bereit sind, auch das anzunehmen, was uns widersinnig erscheint. Ohne die Fähigkeit, blindlings zu glauben, hätte die Menschheit niemals Kultur hervorbringen können. Und was sich einmal in den Köpfen festgesetzt hat, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Für unsere Vorfahren war es ungleich nützlicher, einfältig und verführbar als kritisch zu sein.

Evolution fragt nicht nach Wahrheit, Überlebenschancen sind ihre Währung. Aber wem soll man dann glauben? Zu viel Skepsis zahlt sich nicht aus, doch wer wahllos jedem Quacksalber nachläuft, riskiert ebenfalls Chancen. Der Weg zum Erfolg lag für unsere fernen Vorfahren offenbar darin, sich die richtigen Vorbilder zu suchen.

Männer in Stammesgesellschaften gewinnen an Einfluss, je mehr Jagdtrophäen sie zur Schau stellen können. Franz Beckenbauer nahm man ab, als Werbebotschafter etwas von Autos, Benzin, Mobilfunkverträgen und sogar russischem Gas zu verstehen. Wer zweimal den Fußballweltmeistertitel geholt hat, kann sich nicht irren. Und die Absolventen einer Managementschule für Investmentbanker befolgten in einem Experiment die gut begründeten Regeln der Geldanlage gerade so lange, wie sie nicht wussten, was andere Teilnehmer taten. Als sie erfuhren, womit ein Kollege gerade sehr viel Geld verdiente, vergaßen sie ihr Wissen über die Kapitalmärkte. Nun kopierten sie, was ihre erfolgreichsten Kollegen taten – und fuhren jämmerliche Ergebnisse ein. Wie sehr Börsenerfolg dem Zufall geschuldet ist, war den Absolventen bekannt; doch wenn sie einen neuen Stern am Börsenhimmel aufgehen sahen, überstrahlte der jede Einsicht.

Ist es also erstaunlich, dass ein Mann, der ein Jahrzehnt lang in einer eigenen Reality-TV-Show öffentlich seinen Erfolg als Firmenboss zelebrierte, Millionen Amerikanern als glaubwürdig erscheint? Wenn ein Donald Trump, auch ein Wladimir Putin notorisch lügen, muss ihnen das keineswegs schaden. Denn für ihre Anhänger richtet sich die Wirklichkeit nach den Worten des starken Mannes, nicht umgekehrt. Schließlich haben die starken Männer mit ihren Lügen Erfolg. Das macht sie glaubhaft.

Unsere offene Gesellschaft beruht auf der Annahme, dass Lügen kurze Beine haben, weil Lügner sich selbst diskreditieren. Man muss nicht nach Amerika schauen, um zu erkennen, dass diese Vermutung nicht mehr stimmt. Die Wirklichkeit ist längst eine andere: Je absurder eine Behauptung, umso mehr nützt sie dem, der sie verkündet. Denn Irrsinn ist unterhaltsam, verschafft Aufmerksamkeit und bestärkt die eigenen Anhänger in ihrer Wahrnehmung der Realität.

So verbreitete beispielsweise die Berliner AfD im März 2017 das Gerücht, das Auswärtige Amt warne die Bundesbürger vor Reisen nach Schweden, weil dort Migranten marodierten. Das war völlig aus der Luft gegriffen.

Politiker haben immer von angeblichen Tatsachen fabuliert, wenn diese ins Weltbild ihrer Anhänger passten. Aber sie haben es verstohlen in Hinterzimmern und Bierzelten getan. Neu ist, wie ungerührt sie Unwahrheiten verkünden. Etwa Innenminister Thomas de Maizière, der im Oktober 2015 verkündete, ein Drittel der vermeintlichen Syrer in Deutschland stamme gar nicht aus Syrien, obwohl sein eigenes Ministerium für diese Zahl keinerlei Anhaltspunkt hatte.

Auf falschen Behauptungen beruhende Stimmungsmache, wie wir sie in Deutschland erleben, ist in vielen europäischen Ländern seit Jahren Normalität. Verheerend an diesem Zustand ist, dass man sich, von Parolen ermüdet, schleichend an ihn gewöhnt. Auseinandersetzung besteht dann nur noch in der Verteidigung des eigenen Standpunkts. Dass es zwischen Meinung und Fakt einen Unterschied gibt, ist großen Teilen der Öffentlichkeit nicht mehr geläufig. In Großbritannien, dem Mutterland der parlamentarischen Demokratie, hat dies zum vermutlich selbstschädigenden Brexit-Votum geführt.

Lügen sind nicht deswegen erfolgreich, weil uns der Verstand fehlte, sie zu entlarven. Sie setzen sich durch, weil wir sie glauben wollen – vor allem aber, weil Menschen in Gemeinschaft sich von den Urteilen anderer anstecken lassen. Konformismus ist dem Homo sapiens einprogrammiert. Aber wir können auch anders. Menschen sind mit Neugierde und Aufsässigkeit begabt. Kleinkinder imitieren Erwachsene, nerven sie aber auch unablässig mit der Frage "Warum?". Bekanntlich war es ein Kind, das sich der Begeisterung eines ganzen Volkes über des Kaisers neue Kleider nicht anschließen wollte.

Vielleicht wird es am Ende solche Aufmüpfigkeit sein, der die Demokratie ihr Überleben verdankt. Gut möglich, dass unsere Zukunft davon abhängt, ob wir lernen, die Lust zu fragen ins Erwachsenenalter hinüberzuretten. Das hieße, nicht auf jedes Lebensproblem eine fertige Antwort vom Bildschirm zu erwarten. Ungewissheit könnte dann nicht nur als ein erträglicher, sondern sogar als produktiver Zustand erscheinen.

Wäre es nicht manchmal besser, sich in der nächsten aufgeregten Debatte einen eigenen scharfen Tweet zu verkneifen und seinen Verstand zu nutzen, um, wie das Kind vor dem nackten Kaiser, die richtige Frage zu stellen? Man könnte es ja einmal versuchen.

 

erschienen in: Zeit Magazin 22/2018

 

 

 

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